Die VBG hat spezielle Führungskräftetrainings zur Reduzierung psychischer Belastungen in das Prämienverfahren aufgenommen. Zu den VBG-Mitgliedsunternehmen, die hier entsprechende Präventionsmaßnahmen durchgeführt haben und dafür prämiert wurden, zählt die JUMO GmbH & Co. KG mit Hauptsitz in Fulda. Im Mittelpunkt steht dabei das JUMO-Führungskompetenzmodell, das einen verbindlichen Orientierungsrahmen für alle Hierarchieebenen ermöglicht.
Führungskräfte haben entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen – und somit auf die Gesundheit der Beschäftigten. Zu den Gestaltungsbereichen gehören zum Beispiel Arbeitsintensität, Handlungsspielraum und soziale Beziehungen am Arbeitsplatz (Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung, GDA, 2022). Die VBG hat deshalb spezielle Führungskräftetrainings, die zur Reduzierung psychischer Belastungen beitragen, in den Prämienkatalog der Branche Glas und Keramik aufgenommen. Zu den VBG-Mitgliedsbetrieben, die solche Maßnahmen verbindlich für alle Führungskräfte eingeführt haben, zählt das hessische Unternehmen JUMO. Dessen Erfolgsgeschichte begann Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Produktion von Glaskontaktthermometern. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich das Unternehmen zu einem der führenden System- und Lösungsanbieter für industrielle Sensor- und Automatisierungstechnik entwickelt. Temperatursensoren und -fühler von JUMO finden in den verschiedensten Einsatzbereichen Verwendung. Dazu gehören auch Betriebe der Branche Glas & Keramik, da die präzise Überwachung von Temperaturmesswerten hier zentral für die Produktqualität ist.
Weltweit beschäftigt JUMO aktuell über 2.500 Mitarbeitende, wobei am Standort in Fulda 1.600 Personen tätig sind. In einer Organisation dieser Größenordnung ist es eine Herausforderung, eine einheitliche Führungskultur zu etablieren, bei der Sicherheit und Gesundheit auf allen Hierarchieebenen zentrale Werte darstellen, die auch gelebt werden.
JUMO begegnet den zunehmend komplexen Herausforderungen in der Arbeitswelt mit einem Führungsverständnis, das bewusst zwei Dinge kombiniert: eine verbindliche gemeinsame Grundlage für alle Führungskräfte und individuelle Entwicklungswege, die unterschiedliche Stärken, Aufgaben und Kontexte berücksichtigen.
Ein gemeinsamer Referenzrahmen für alle

Die gemeinsame Basis bildet das vor fünf Jahren eingeführte JUMO-Führungskompetenzmodell. Dieses dient als verbindlicher Orientierungsrahmen – unabhängig von Bereich, Funktion oder Hierarchieebene. Außerdem definiert es ein einheitliches Führungsverhalten im Sinne von klar definierten Kriterien.
Zentrales Element dabei sind die sogenannten Verhaltensanker. Dabei handelt es sich um konkrete Kompetenzen und beobachtbares Verhalten. Zu diesen Kompetenzen gehören unter anderem:
- Führungsrolle,
- Kommunikation im Team,
- Teamsteuerung,
- Entwicklung von Mitarbeitenden,
- gesundes Führen,
- Zusammenarbeit sowie
- Selbststeuerung.
Der Verhaltensanker für „gesundes Führen“ ist beispielsweise folgendermaßen formuliert: „Die Führungskraft erkennt frühzeitig Belastungssituationen bei Mitarbeitenden und ergreift geeignete Maßnahmen.“
Das Kompetenzmodell schafft damit Klarheit darüber, was JUMO unter „wirksamer und gesundheitsförderlicher Führung“ versteht, und sorgt damit für Orientierung im Führungsalltag.
Verbindlicher Einstieg: das Basisprogramm

Auf dieser Grundlage durchläuft jede neue Führungskraft bei JUMO zu Beginn der Führungslaufbahn ein verbindliches Basisprogramm, welches mit externen Trainerinnen und Trainern umgesetzt wird. Es sorgt dafür, dass alle Führungskräfte auf einem gemeinsamen Grundverständnis aufbauen und ihre Rolle bewusst und reflektiert ausfüllen können. Im Fokus stehen dabei unter anderem die eigene Haltung und Verantwortung als Führungskraft, grundlegende Führungs- und Kommunikationskompetenzen sowie die Zusammenarbeit und Gesundheit im Team.
Timo Schott, Teamleiter Test & Validation bei JUMO, hat selbst schon das Basisprogramm absolviert und zieht folgendes Fazit: „Mir sind viele Themen bewusster geworden und ich konnte durch die Trainings meinen eigenen Werkzeugkoffer deutlich erweitern. So nutze ich mittlerweile gern statt der klassischen E-Mail ein Flipchart in unserer Abteilung als Kommunikationsmöglichkeit.“ Wichtige Informationen und Aufgaben werden so visualisiert, bekommen im Arbeitsalltag mehr Präsenz und die bisherigen Erfolge werden besser sichtbar. Das Flipchart ist somit Treffpunkt und Möglichkeit zum Austausch. Das stärkt auch den Zusammenhalt im Team.

Individuelle Schwerpunkte setzen
Aufbauend auf dieser gemeinsamen Basis folgt bei JUMO bewusst die individuelle Weiterentwicklung. Denn so verschieden die Führungsaufgaben, Teams und Rahmenbedingungen sind, so unterschiedlich sind auch die Entwicklungsbedarfe der einzelnen Führungskräfte. Daher bietet JUMO ein modulares Wahlprogramm, das sich am Kompetenzmodell sowie an den persönlichen Stärken, Entwicklungsfeldern und Interessen orientiert und je nach den aktuellen Rahmenbedingungen und Bedarfen wechselt.
Um individuelle Entwicklungsprozesse fundiert zu begleiten, setzt JUMO ergänzend auf ausgewählte Instrumente zur Selbstreflexion und Standortbestimmung. Dazu gehört unter anderem eine spezielle Analyse, die Führungskräfte bereits während des Auswahlprozesses durchlaufen und Einblicke in personenbezogene Motive und Verhaltenspräferenzen ermöglicht.
Lara Neudert, Personalentwicklerin bei JUMO, erklärt: „Wir sind überzeugt, dass Gießkannenmaßnahmen nicht mehr zeitgemäß sind. Die Wirksamkeit von Entwicklungsangeboten beginnt für uns mit einem fundierten Verständnis der individuellen Voraussetzungen und Bedarfe.“

Diagnostische Tools wie eine spezielle Analyse schaffen Transparenz und unterstützen Führungskräfte dabei, die eigenen Stärken bewusster einzusetzen und Entwicklungsfelder gezielt anzugehen. Für individuelle Fragestellungen bietet JUMO den Führungskräften außerdem Coaching und Beratung an. Diese Maßnahmen unterstützen Führungskräfte dabei, eigene Lösungen bei Teamkonflikten zu entwickeln, Perspektiven zu erweitern und ungünstig gestaltete Arbeitsbedingungen frühzeitig zu erkennen. Ziel ist es, die persönliche Handlungsfähigkeit zu stärken, Stressoren zu reflektieren und gesundheitsbewusstes Führungsverhalten zu fördern. Die Beratung durch die Personalentwicklung ergänzt dieses Angebot, etwa bei der Gestaltung individueller Entwicklungspfade für Mitarbeitende oder bei Teamworkshops, die das gegenseitige Verständnis sowie eine sichere und gesunde Zusammenarbeit fördern.
Unterschiedliche Bedürfnisse erkennen

Timo Schott versteht seine Rolle als Führungskraft folgendermaßen: „Ich sorge dafür, dass mein Team bestmöglich funktionieren kann. Wichtig ist, dass ich als Teamleiter berechenbar und verlässlich bin, mit einer gewissen Stabilität und Struktur, einer klaren Kommunikation und definierten Aufgaben. Ich versuche, mich immer mehr aus dem operativen Tagesgeschäft rauszunehmen, um Zeit für die wirklich wichtigen Führungsthemen zu haben.“ Das bedeutet vor allem: gute Rahmenbedingungen zu schaffen, Personalentwicklung der einzelnen Beschäftigten, ansprechbar bei Fragen zu sein und kurzfristig auftretende Probleme jeglicher Art zu lösen. So bleibt das Team immer arbeitsfähig. „Dabei ist es wichtig, dass ich alle Beschäftigten mit ihrem Charakter und ihren Bedürfnissen verstehe und mein Führungsverhalten dementsprechend anpasse. Das zu erkennen und richtig zu handeln, dabei hat mir das Führungskräftetraining enorm geholfen“, erklärt Schott.
Führung zukunftsorientiert gestalten
Auch die Führungskräfteentwicklung selbst versteht sich bei JUMO als lernendes System, mit dem Ziel, agil zu bleiben, neue Formate zu erproben und nah an aktuellen Herausforderungen zu sein. Dazu werden die Programme und Formate regelmäßig reflektiert und weiterentwickelt. Dieses Jahr steht eine umfangreichere Evaluation an, da neben einer detaillierten Ausarbeitung von Führungswerten eine Internationalisierung des Führungskräfteprogramms geplant ist.

Seit 2025 sind im Prämienkatalog der Branche Glas und Keramik unter der Rubrik „Spezielle Maßnahmen zur Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren und individuelle Qualifikation im Arbeitsschutz“ spezielle Trainings für besondere Zielgruppen enthalten. Diese können unter bestimmten Voraussetzungen mit 40 Prozent der Investitionssumme von der VBG gefördert werden.
Drei Fragen an die Expertin
Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für Führungskräfte in der aktuellen Arbeitswelt?
Führung findet heute unter ganz anderen Bedingungen statt als noch vor einigen Jahren. Die Welt wird spürbar dynamischer, und das betrifft Führung ganz besonders. Uns ist deshalb wichtig, Führungskräften Orientierung zu geben.
Wie bereiten Sie Ihre Führungskräfte darauf vor?
Wir schauen sehr bewusst darauf, wie wir unsere Führungskräfteentwicklung weiterdenken – zum Beispiel, indem wir noch mehr Raum für Austausch bieten und gemeinsam Werte erarbeiten, die im Arbeitsalltag mehr Klarheit schaffen. Auch unser Angebot in Richtung Resilienz und Selbstführung wollen wir ausbauen.
Bei JUMO führen Sie auch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung durch. Welche Rückschlüsse können Sie daraus ziehen?
Im Großen und Ganzen berichten unsere Mitarbeitenden von einer positiven und unterstützenden Zusammenarbeit mit ihren Führungskräften. Gleichzeitig gibt es individuelle Unterschiede in den Teams. Deshalb sehen wir uns bestärkt darin, neben dem grundlegenden Basisprogramm auch auf ein Angebot für individuelle Lösungen zu setzen.











