Im Kalksandsteinwerk der Xella-Gruppe in Dormagen-Nievenheim hängt ein auffälliges Digitaldisplay an der Wand. In großen Lettern ist dort zu sehen, seit wie vielen Tagen sich in dem Betrieb kein Unfall mehr ereignet hat. An diesem Frühlingstag im Mai zeigen die leuchtenden Ziffern genau 495 Tage an. Das Display und die Zahl darauf sind Ausdruck einer neuen Sicherheitskultur, die in dem Betrieb vor acht Jahren Einzug gehalten hat. Das Baustoffunternehmen Xella Deutschland GmbH, zu dem auch der Standort Nievenheim gehört, hat damals deutschlandweit einen tiefgreifenden Wandel eingeleitet. „Nur ein sicher produzierter Stein ist ein guter Stein“, lautet seither die Devise. Diese Sicherheit überall und jederzeit zu gewährleisten, ist jedoch nicht immer einfach.
Alleinarbeit ist der Normalfall

Da die einzelnen Herstellungsschritte weitestgehend maschinell erledigt werden, arbeiten bei Xella in Dormagen lediglich 30 Beschäftigte. Diese verteilen sich auf zwei Schichten pro Tag. „Das führt dazu, dass die einzelnen Beschäftigten in der Regel allein ihre Tätigkeiten an den Arbeitsplätzen verrichten, ohne dass weitere Kollegen in direkter Nähe sind“, erklärt Instandhaltungsleiter Jörg Wallat. Somit kann sich niemand darauf verlassen, dass im Zweifelsfall noch eine andere Person bemerkt, wenn jemand in eine Gefahrensituation gerät. Da die Werkshallen weitläufig sind, besteht zudem das Risiko, dass auch laute Rufe nicht zwangsläufig gehört werden. Ein spezielles Augenmerk hat Xella deshalb auf den Prozess der Störungsbeseitigung gelegt. Denn hierbei kommt es besonders oft vor, dass ein einzelner Beschäftigter in abgelegenen Bereichen der Produktionshallen arbeitet. „Enorm wichtig ist hierbei die Informationskette“, sagt Wallat und fügt hinzu: „Bevor sich jemand allein auf den Weg macht, um eine Störung an einer Maschine zu beseitigen, muss zunächst der jeweilige Schichtführer informiert werden.“
Sicherheit durch LoTo-Systeme

Im Kalksandsteinwerk (KS-Werk) Nievenheim gehören ein Schlosser sowie ein Elektriker zur Stammbelegschaft und können Störungen verschiedener Art kurzfristig beheben. „Oft arbeiten bei uns aber auch Fachkräfte von Fremdfirmen, die sich um Wartung und Instandhaltung kümmern“, erklärt Werksleiter Stefan Lubjuhn. „Ein Externer kann bei uns nicht einfach allein einen Probelauf an einer Maschine durchführen“, betont der Standortchef. Denn zur Sicherheit gibt es überall im KS-Werk Verriegelungsanlagen, sogenannte LoTo-Systeme. Das Buchstabenkürzel steht für „Lockout/Tagout“, was sich mit „abschließen“ und „kennzeichnen“ übersetzen lässt. Gefahrenstellen im Werk wurden ab dem Jahr 2017 systematisch mit hohen Zäunen gesichert. Der Zutritt zu diesen sensiblen Bereichen – beispielsweise in direkter Nähe von Maschinen oder Förderanlagen – ist seither nur durch spezielle LoTo-Türen möglich. Jeder Beschäftigte hat dafür ein persönliches Vorhängeschloss (in weißer Farbe), das beim Betreten des geschützten Bereichs an der offenen Zugangstür befestigt wird. Das verhindert, dass eine stillgelegte Anlage von einer anderen Person wieder in Gang gesetzt wird, während noch an dieser Maschine gearbeitet wird. Zusätzlich gibt es für jede Maschine beziehungsweise für jeden Anlagenteil noch weitere Schlösser in gelber Farbe. Das kann dazu führen, dass bei einer verketteten Anlage schon mal bis zu sieben Vorhängeschlösser angebracht werden müssen, um sämtliche Teile stillzulegen.
Mein Schloss – mein Leben

Gefährdungen vielfältig. Im Fokus stehen deshalb
nicht nur die „klassischen“ Stolperfallen oder Lärm.
Zudem müssen auch Vorkehrungen gegen Absturz,
Quetschungen, Gefahrstoffe, elektrische
Gefährdungen und andere Risiken getroffen werden.
Externe Fachkräfte erhalten ebenfalls ein persönliches Schloss für ihre Tätigkeit im Werk. Allerdings sieht der Prozess beim Einsatz von Fremdfirmen vor, dass zusätzlich auch noch ein Xella-Beschäftigter den LoTo-Zugang mit seinem eigenen Schloss sichern muss.
„Die Verriegelungssysteme werden mittlerweile von unseren Beschäftigten sehr gut akzeptiert. Die Handhabung hat sich eingespielt und ist inzwischen normaler Bestandteil unseres Arbeitsalltags“, so Lubjuhn (siehe auch Interview weiter unten). Dass niemand die Bedeutung der LoTo-Systeme unterschätzt, hat Xella mit mehreren großen Hinweisschildern sichergestellt. „Mein Schloss – Mein Schlüssel – Mein Leben“ ist dort in roter Schrift auf gelbem Untergrund zu lesen.
Kompakte Gefährdungsbeurteilung

Ein weiteres Sicherheitsinstrument, das sich im Xella-Werk bewährt hat, ist die „Kurzgefährdungsbeurteilung“. Für alle Tätigkeiten, die von den Beschäftigten nicht standardmäßig durchgeführt werden, füllen sie im Vorfeld ein zweiseitiges Dokument im A4-Format aus. Hier sind in übersichtlicher Form potenzielle Risiken für die anstehende Tätigkeit aufgeführt (siehe auch Interview zum Thema „Last Minute Risk Analysis“). Werkselektriker Cafer Ekim hat es an diesem Tag beispielsweise mit einer Störung an einem der beiden Portalkräne in der riesigen Lagerhalle zu tun. „Kräne machen immer Probleme“, sagt Ekim lächelnd, denn er hat Spaß an der Fehlersuche. Bevor er sich an seinen Einsatzbereich in rund zehn Meter Höhe begibt, nimmt er Zettel und Stift zur Hand. Dann geht er im Geiste die anstehenden Arbeiten durch und kreuzt an: „Elektrische Gefährdung“, „Arbeiten in Höhe“, „Arbeiten an Maschinen“, „Stolpern, Rutschen, Stürzen“, „Arbeiten in engen Räumen“ sowie unter „weitere Gefahren“ das Kästchen „Staub“.
Die kompakte Gefährdungsbeurteilung gibt auch Beispiele für mögliche Gegenmaßnahmen. Hier setzt Ekim ebenfalls mehrere Kreuze, unter anderem bei „Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz“.
Mehr Sicherheit und mehr Effizienz

„Für das Ausfüllen braucht niemand länger als fünf oder sechs Minuten“, sagt Stefan Lubjuhn. Die Vorteile liegen für den Werksleiter auf der Hand. Denn die Beschäftigten halten für einen kurzen Moment inne und nehmen sich Zeit, um die bevorstehende Aufgabe durchzugehen. Erst dann legen sie los. „Dadurch haben sie in der Regel immer die richtige Schutzausrüstung dabei. Außerdem nehmen sie von vornherein das passende Werkzeug mit. Sie müssen also nicht mehrmals in die Werkstatt laufen“, so Lubjuhn. Der Effekt: mehr Sicherheit und gleichzeitig mehr Effizienz.
Videoüberwachung
Trotz der LoTo-Verriegelung und der kompakten Gefährdungsbeurteilung bleiben im KS-Werk noch einige Restrisiken. Sie entstehen zum Beispiel dadurch, dass bei Alleinarbeit an schlecht einsehbaren Stellen eben kein normales Vieraugenprinzip möglich ist. Diese Risiken hat das Team dadurch minimiert, dass alle kritischen Bereiche videoüberwacht sind.
Der Erfolg gibt Xella recht. Denn das Zusammenspiel aller Maßnahmen sorgt dafür, dass die große Digitalanzeige an der Wand Tag für Tag weiterläuft und sich in dem Werk kein Arbeitsunfall ereignet.
Drei Fragen an den Experten
Haben Ihre Beschäftigten die neuen Sicherheitsmaßnahmen im Unternehmen sofort gut angenommen?
Nicht gleich zu Beginn. Denn wir haben damals die Beschäftigten nicht früh genug mit ins Boot geholt. Es wäre sicher besser gewesen, schon im Vorfeld mit ihnen die anstehenden Maßnahmen zu besprechen. Man sollte nicht erst dann für Akzeptanz sorgen, wenn die LoTo-Zäune bereits am Arbeitsplatz stehen.
Welche Rückmeldungen haben Ihre Beschäftigten zu den Verriegelungsanlagen gegeben?
Das Feedback war sehr wertvoll. Es geht zum Beispiel darum, die Türen an die richtigen Stellen zu setzen. Denn niemand möchte unnötige Wege laufen. Wir haben da eine hohe Lernkurve und entwickeln das System nach wie vor weiter.
Welche Verbesserungen haben Sie in jüngster Zeit vorgenommen?
Wir haben im Dialog mit unseren Beschäftigten eine Abschaltmatrix entwickelt. Damit können wir jetzt gezielt einzelne Anlagenteile sicher stilllegen – also nicht immer die komplette Maschine. Es erhöht die Akzeptanz sehr, wenn Beschäftigte nur die Anlagenteile abschalten müssen, an denen sie auch tatsächlich arbeiten.











